Fossilien
  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,
und unserem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde!

Wir Messeler sind stolz auf die Fossilien, die bei uns gefunden wurden, v.a. auf das Urpferdchen. 49 Millionen Jahre alt sind die Versteinerungen und so gut erhalten, daß sie zum Teil einzigartig sind.
Sie halten ein Karte mit dem bekanntesten Fossil, dem Urpferdchen in Händen, einer ausgestorbenen Vorform unseres Pferdes.
Sie fragen sich vielleicht, was das in der Kirche soll. Steht dahinter nicht eine Auffassung von der sich selbst entwickelnden Welt, die gegen die christliche Vorstellung von Gott, dem Schöpfer gerichtet ist?
Es gab und gibt lange Debatten über diese Frage "Schöpfung oder Evolution?" "Hat Gott die Welt in 7 Tagen geschaffen oder in Milliarden von Jahren?" "Braucht man Gott oder kann man die Welt aus sich selbst heraus erklären?" Sie alle kennen dieses Gespräche und haben vermutlich selbst an ihnen teilgenommen.
Dieser alte Streit ist eigentlich längst beigelegt, von den Theologen aus und von den Naturwissenschaftlern aus.
Spätestens seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts, seit dem großen Theologen Rudolf Bultmann, wissen wir, daß die Schreiber der Bibel ein anderes Weltbild hatten als wir und daß wir ihre Botschaft und ihre Gotteserfahrungen in unser modernes Weltbild übertragen müssen. Daß wir Christen an Gott als den Schöpfer glauben, müssen wir in unsere Welt des Fernsehens und Computers hinein sagen, in eine Welt der künstlichen Realität und der lernfähigen Roboter, in der die Menschen immer stärker als Schöpfer auftreten und die sich wie der Zauberlehrling fühlen, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Daß Gott der Schöpfer ist, läßt uns vielleicht bescheidener werden, weniger hilflos unseren eigenen Allmachtsphantasien ausgeliefert.
Auch von Seiten der Naturwissenschaft gibt es die alten billigen Vorwürfe an den Glauben nicht mehr, er sei veraltet und denkfaul. Das moderne Weltbild der 20er Jahre, das Rudolf Bultmann in den zwanziger Jahren voraussetzte, gibt es so nicht mehr, ist längst veraltet.
Je mehr wir unser Wissen erweitern, desto mehr spüren wir, wie wenig wir wissen. Wenn wir an die Grenzen des Weltraums gehen, kommen wir an die Grenzen unserer Vorstellungskraft: hat das sich ausdehnende Weltall eine Grenze, einen Anfang und ein Ende oder ist es unendlich?
Wenn wir in das Innerste der Materie schauen, nach den kleinsten Teilen Ausschau halten, so gelangen wir zu immer kleineren Teilen und wissen nicht, ob die Grundlage überhaupt noch Materie ist oder nur noch Energie.
Seit Einstein wissen wir, daß Zeit und Raum nur Krücken unserer begrenzten Vorstellungskraft sind und daß wir uns die Welt eigentlich nur in immer komplizierter werdenen mathematischen Formeln vorstellen können – falls wir als normale Menschen uns da überhaupt noch etwas vorstellen können.
Unbefangen betrachtet ist auch die Evolution nur eine Theorie mit erheblichen Schwächen: wie ist der Sprung von einer Art zur anderen vorstellbar (wo Übergänge oft gar nicht lebensfähig wären), was ist mit den fehlenden Verbindungsgliedern in der Fossilienkette?
D.h. keinesfalls, daß wir die Bibel als Lehrbuch über die Entstehung der Arten esen können, aber wir sollten bescheidener sein, was unser eigenes Weltbild anbetrifft – in spätestens 100 Jahren wird es ziemlich veraltet sein.
Denken und Glauben, Naturwissenschaft und Theologie, unsere moderne technische Welt und die Kirches schließen sich keinesfalls aus, sondern brauchen sich vielmehr gegenseitig. Sie müssen einander nur Raum lassen.
Wenn jemand sagt "Ich glaube nur, was ich sehe." oder "Es ist alles naturwissenschaftlich erklärt, für einen Gott gibt es keinen Platz mehr", dann ist er einfach nicht auf dem laufenden.
Heutige Naturwissenschaftler lernen vielmehr wieder staunen über das Rätsel unserer Welt und erkennen, daß die Behandlung der Welt als Rohstofflager nicht nur den Glauben, sondern auch gleich unsere Welt und uns selbst mit zerstört.
Das ist eine Mahnung, die wir hören, wenn wir die Spuren ausgestorbener Lebewesen  sehen:
wir haben uns nicht selbst gemacht und wir gehören nicht uns selbst. Wir verdanken uns Gott als dem Geheimnis der Welt und der Quelle des Lebens.
Wenn wir uns als die Herren der Welt benehmen, werden wir unserem Auftrag nicht gerecht, diesen wundervollen Garten Erde zu bebauen und zu bewahren nach unserer bisherigen Erkenntnis einzigartig im Weltall und abhängig von einem sensiblen und erstaunlichen Gleichgewicht.
 
Liebe Gemeinde
 
schauen wir uns das Gerippe dieses Urpferdchens an, das vor 49 Millionen Jahren sein Grab im Schlamm des Messeler Sees gefunden hat. Ein gigantischer Zeitraum, unvorstellbar für unsere paar Jahrzehnte Lebenserfahrung.
Seine Art ist ausgestorben, seine Welt vergangen. Und doch ist es mit uns verbunden über diesen breiten Graben der Jahrmillionen hinweg. Wir gehören zu einer Welt, zu Gottes Welt, für die wir Verantwortung tragen.
Wir Menschen können viel und haben viel gelernt. Wir träumen immer noch vom Fortschritt. Ich habe mich in den letzten Wochen viel mit dem Internet beschäftigt und bin ganz begeistert von dem technischen Fortschritt. Aber ich habe alle die im Ohr, die aus dem Arbeitsleben herausgedrängt wurden, weil sie sich auf die neue Technik nicht einstellen konnten. Ich weiß, wie viel Arbeitsplätze der technische Fortschritt noch kosten wird.
Sind wir gezwungen, uns einfach anzupassen, immer effekiver zu werden, weil sonst andere Länder billiger produzieren? Wer sich nicht flexibel anpasst, wird zu Fossil.
Ist das so?
Wir als Christinnen und Christen wissen, daß es mehr gibt. Daß in altertümlichen Worten eine Kraft steckt, die die Schalheit der Moderne überwindet. Wir wissen, daß es noch etwas zu sagen gibt, obwohl die Kommunkationsmittel immer moderner werden und die Inhalte immer erbärmlicher. Wir erfahren immer wieder, daß in unseren Worten, unter unseren Worten und trotz unserer Worte Wort Gottes sich ereignet. Wir müssen nicht unsere Fähnchen nach dem Wind hängen und das dann Flexibilisierung nennen.
Unsere Zukunft ist eröffnet, weil Gott selbst in die Geschichte dieser Erde eingegangen ist und in Jesus Christus mit uns Menschen verbunden ist.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben.

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